Die Sex-To-Do-Liste

Schlagen wir heute Zeitschriften auf, oder sehen wir uns Berichte an, die sich um Sex drehen, kommt leicht das Gefühl auf, es handelt sich um eine Sportart. Alles wird ver- und gemessen. Die Zeit, die Ausdauer, die Anzahl der Stellungen und Praktiken, der Schwierigkeitsgrad der Stellungen, die Anzahl der PartnerInnen, die Anzahl der Orgasmen. Heraus kommt dabei ein Profil des idealen Sex, der mich an die Beschreibung einer Wanderroute auf bergfex.at erinnert. Schwierigkeitsgrad, Höhenunterschied, familientauglich? :-)
Dabei sollte mensch Sex statt wie Sport, eher wie Pizza beschreiben. Sagt Al Vernacchio.



Die Idee der freien Liebe

Ich bin kein Kind der 68er, doch denke ich mal, waren die entscheidenden Schritte der sexuellen Befreiung jene, dass wir drüber reden, Frauen ebenso sexuell empfinden, Orgasmen haben, und wir alle ein bisschen lockerer werden - fernab von der hetero geprägten Kleinfamilie. Nun gut, mit der Verhütung waren sie damals nicht so genau, aber Spaß war ihnen wichtig. Es klang so, als sollte Sex für alle so etwas wie eine riesengroße Party werden, bei der wir uns alle feiern und genießen, genießen und nochmal genießen. - Zumindest ist das mein Bild.

Die Vermessung der Sexualität

Kaum waren wir "befreit", hatten Pille und andere Verhütungsmethoden in krassen Mengen, konnte gepoppt werden bis zum Umfallen. Aber weil ja Quantität bekanntlich immer der Qualität hinterherhinkt, musste irgendwann begonnen werden, Maßstäbe für diese Qualität aufzustellen. Heute ist Sex ein Massenprodukt. Plakatwände sind voll mit sich räkelnden Menschen, die Fernsehkanäle strotzen nur so vor Werbeeinschaltungen, Serien, Berichten, die zumindest immer auch Anspielungen auf Sex machen, Kinderunterwäsche gibt's bereits mit anzüglichen Sprüchen, String und BH für unter 10-jährige und Magazine geben uns 1001 Tipps wie wir sie flachlegen und ihn so richtig geil machen. Youporn ist auch nur einen Klick entfernt, keine Schundhefte, die mensch sich mehr irgendwo aus der Mülltonne klauen muss wie anno dazumal.

Die Allgegenwart macht Sex so aufregend wie eine Wurstsemmel.

Und wie das so ist, wenn etwas alle haben - es ist öd. Abheben kann sich nur, wer Vergleiche anstellt. Gut, dass Durex immer diese Umfragen macht, wer am meisten Sex hat. Bin ich ein durchschnittlicher Lover? Sollte ich öfter Sex haben? Wie lange treibens die Deutschen/ÖsterreicherInnen durchschnittlich? Wie oft hintereinander? Mit wie vielen verschiedenen PartnerInnen in ihrem Leben? Und was machen die da genau? Sollte ich das nicht auch schon alles gemacht haben? - Das ist ein bisschen wie mit der Hausarbeit im individualistischen Milieu....Wird gebügelt? Wer bügelt? Was wird gebügelt?...Stressig.

 

Und dann lernt eine/r neue BeziehungspartnerInnen kennen, und das Spiel geht von vorne los. Was hast du schon gemacht? Mit wie vielen? Welche Praktiken? Mit wie vielen gleichzeitig? Und wo überall? - Schwanzvergleich deluxe.

 

Wer hat den besseren Sex? Es reicht nicht, dass du einen Orgasmus hast. Nein, heute sollte er auch noch möglichst lange dauern (vielleicht mit ein bisschen Tantra nachhelfen), besonders oft sein, besonders intensiv und am besten anal, oral, vaginal und multipel natürlich. Wenn du den G-Punkt bis jetzt noch nicht gefunden hast, hast du ohnehin den Anschluss an die Gruppe verloren. Da kannst du gleich einpacken. - Selig die Zeit, wo du ein Kind bekommst und sich das Thema dann von selbst irgendwie erledigt...aus Zeitgründen, aus Lustgründen, Beziehungsgründen und purer Müdigkeit.

 

Ein schales Gefühl bleibt trotzdem. Sollten wir nicht öfter Sex haben? Hätte ich nicht mit mehr Menschen schlafen sollen, bevor ich mich auf eine Familie einlasse? Schwören wir uns echt ewig körperliche Treue? Sollten wir nicht auf poly umsteigen, damit wir auch noch "andere" Erfahrungen machen können?

cc  Cristian Eslava: “Sex Life of Robots” | Michael Sullivan
Teil der großen NEON-Umfrage 2014

Sex reicht nicht, er muss besonders gut sein.

Irgendwie erscheint mir das getrieben. Und Zeitschriften wie "Jolie", die in der Oktoberausgabe schon auf der Titelseite fragen "Haben Sie genug Sex?" und im September lockten mit "Die Nr.1 Sexstellung der Männer. Trauen Sie sich, Sie werden es nicht bereuen" sind mit genauso suspekt wie die Sex-To-Do-Liste der Cosmopolitan vom Juli.

Der Sex-Lebenslauf

Es beschleicht mich das Gefühl, dass wir mit der zunehmenden Vermessung von Sexualität eine Art sexuelles Profil, ja wie einen Lebenslauf bilden. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist das auch wesentlich einfacher, als seine Prestige über ein protziges Haus oder Auto herzustellen. Sex als Erfolgsfeld des kleinen Mannes bzw. der kleinen Frau. Der High-Score kann schier endlos ausgeweitet werden. Wie bei WorldofWarcraft. Und zahlreiche Industrien verdienen auch noch dran.

 

Was soll im Sex-Lebenslauf stehen?

 

Laut Cosmopolitan sollten wir (wenn wir im Zielgruppen-Alter sind) folgendes getan haben:

Voreinander masturbieren, Sex im Wasser, zusammen Pornos gucken, Oralsex, Quickie, Sex mit dem Ex, Licht anlassen, Sex Toys.

 

Was sollten wir unbedingt noch tun?

Dreier, Swingen, Dirty Talk, (Soft-)SM, Anal, im Flugzeug, Tantra, Skype-Sex, Sex mit Google Glass, Rollenspiele, "Sex wie ein Mann = Fuck and go", Sex mit großem Altersunterschied zum Partner, Sex Toy mit Fernbedienung und Sex mit einer Frau.

Als Frau Sex mit einer Frau, einfach weils "cool" ist.

Als Hilfestellung werden zahlreiche Apps geboten, die die passenden SexpartnerInnen finden. - Mal abgesehen davon, dass ich hier selbt nicht immer aus einer besonders queeren Perspektive schreibe, finde ich es trotzdem sehr vermessen, "Sex mit einer Frau" auf die To-Do-Liste zu setzen. Entweder fühle ich mich zu Frauen hingezogen oder eben nicht. Aber nur weil es "cool" wäre, damit "anzugeben", dass ich als Frau eine andere Frau zum "Objekt" mache, um meinen Sex-Lebenslauf-Auftrag zu erfüllen, finde ich ziemlich kacke.

 

Die Begründung "Frauen haben einfach die zartere Haut und diese unglaublichen Brüste..." und das Argument "Mit der eigenen Anatomie kennt man sich eben am besten aus"  finde ich den größten Käse überhaupt. Nicht nur, dass sich ersteres nicht pauschalieren lässt, sondern dass ich-weiß-nicht-wie-viele (Hetero-)Frauen auch heute noch in Selbsterfahrungsgruppen mit Spiegeln rumsitzen, weil sie keine Ahnung davon haben, was genau da unten los ist. Und ehrlich, kann jeder von euch das weibliche Genital mit allem drum und dran blind zeichnen?

 

Homosexualität gibt's einfach nicht.

 

Lesbische Sexualität gibt's im Cosmopolitan-Kosmos einfach nicht. Es mag vielleicht nicht viele Leserinnen in der Zielgruppe geben, auf die das zutrifft, aber "Sex mit einer Frau" so aus dem Kontext zu reißen, verleugnet, dass es eine Geschichte der Diskriminierung und Verfolgung von Menschen mit nicht-hetero Lebensweisen gibt, die nach wie vor präsent ist. Es ignoriert die Gewalt, der homo- und transsexuelle Menschen ausgesetzt sind. Es ignoriert die Abwertung, die in Worten steckt, wenn sich eine mal nicht wie ein braves Weibchen verhält und als "Lesbe" beschimpft wird.

 

Abgesehen davon stelle ich mal die wilde Vermutung auf, dass eine "männliche" Sex-To-Do-Liste den Punkt "Sex mit einem Mann" nicht wirklich beinhalten würde...

Graik von Yang Liu aus dem Buch "Man meets woman"

Statt Sex als Sport: Sex wie Pizza.

cc Tim
cc Sabortax

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